Im AI Village in Hürth war ich im September schon einmal, diesmal zum AI Catalyst Summit: ein ganzer Tag, sechs Räume parallel, dazu eine Messe in Studio 10. Man muss sich entscheiden, und ich habe nach einer einfachen Regel gewählt: dorthin, wo die Fragen meiner Kunden verhandelt werden.
Um zehn war Studio 6 so voll, dass hinten nur noch Stehplätze blieben.
Vormittags: Fristen verschoben, Pflichten geblieben
Christopher Götz von Simmons & Simmons sprach über den AI Act nach dem Digital Omnibus. Die Kurzfassung: Der Omnibus hat Fristen verschoben und Pflichten handhabbarer gemacht, aber keine abgeschafft. Die Pflichten für Hochrisiko-Systeme nach Anhang III gelten jetzt ab dem 2. Dezember 2027. Die KI-Kompetenz nach Art. 4 gilt dagegen schon seit Februar 2025, und sie verlangt Maßnahmen, kein garantiertes Niveau. Das nimmt viel Angst aus dem Thema.
Die Folie, bei der ich am längsten hängen geblieben bin, zeigte etwas anderes. Für einen Maschinenbauer, der KI in seine Anlage einbaut, kommt die Pflicht nicht aus einem Gesetz, sondern aus mehreren gleichzeitig: die neue Maschinenverordnung ab Januar 2027, die neue Produkthaftung ab Dezember 2026, dazu Cyber Resilience Act und Data Act. Der AI Act ist für den Maschinenbau nur die halbe Wahrheit.
Und dann der Blick über den Teich. Götz zeigte die Landkarte der US-Bundesstaaten, jeder mit eigenen Regeln, allein Kalifornien mit einem ganzen Netz davon. Dagegen steht ein Rahmen für 27 Staaten. Ich glaube, dass Europa bei der Frage, wie KI sicher und verlässlich wird, eine größere Rolle spielen kann, als wir uns selbst zutrauen. Wer die EU-Regeln einmal sauber umsetzt, hat Rechtssicherheit für den ganzen Binnenmarkt. Aus Regulierung wird so ein Standortvorteil.
Mittags: die Frage auf Edip Salibas Folie
Edip Saliba von Microsoft sprach über KI-Trends und über Microsofts Investition ins Rheinische Revier, also fast vor meiner Haustür. Auf einer seiner Folien stand eine Frage, die mich seitdem nicht loslässt: Wie werden KI-Agenten so verlässlich und produktiv wie die besten Mitarbeiter?
Seine Antwort hatte drei Teile. Kontext, also das Wissen eines Unternehmens, das ein Agent braucht, um überhaupt sinnvoll zu arbeiten. Regeln und Nachvollziehbarkeit, also wer was darf und wer hinterher sieht, was passiert ist. Und Sicherheit, weil Angreifer mit KI Schwachstellen heute in Minuten finden statt in Monaten.
Mir fiel dabei auf, wie wenig davon Technik ist. Verlässlich wird ein guter Mitarbeiter nicht durch sein Talent allein, sondern durch eine klare Rolle, die richtigen Informationen und jemanden, der prüft, was er gebaut hat. Bei Agenten ist es genauso. Das ist die Frage, mit der ich mich in meinem eigenen Team aus Mensch und KI jeden Tag beschäftige. Darüber haben Edip und ich nach seinem Vortrag weitergesprochen.
„Seine Leitfrage, wie Agenten so verlässlich werden wie die besten Mitarbeiter, beschäftigt mich jeden Tag.“
Aus meinem Gästebuch-Eintrag zu Edip Saliba
Nachmittags: die KI-Verordnung aus Sicht der Anwender
Um zwei saß ich in kleiner Runde auf der Empore von Studio 10, beim Kamingespräch mit Dr. Kristina Schreiber von Loschelder. Ihr Thema war die KI-Verordnung aus Sicht der Unternehmen, die KI einsetzen, nicht entwickeln. Das ist der weitaus größere Teil des Mittelstands.
Mich interessierten genau die Fragen, die ich auch von Geschäftsführern höre. Was reicht als Nachweis für KI-Kompetenz? Ab wann wird ein Hersteller, der ein zugekauftes Modell in seine Maschine einbaut, selbst zum Anbieter, mit allen Pflichten, die daran hängen? Und woran erkennt man, ob ein Werkzeug im Personalbereich schon als Hochrisiko-System zählt? Die Runde war klein genug, dass solche Fragen Platz hatten.
„Viele Fragen aus der Praxis, genau die, die mir auch Geschäftsführer im Mittelstand stellen.“
Aus dem Gästebuch-Eintrag zum Kamingespräch
Zum Abschluss: das hybride Unternehmen
Die letzte Masterclass des Tages hielt Bastian Sens: „Das hybride Unternehmen. Warum die meisten KI-Initiativen scheitern und wie dein Team es richtig macht.“ Ich bin ehrlich: Ich bin auch deshalb hingegangen, weil das fast wörtlich mein eigenes Thema ist. Am 7. November halte ich auf dem DDIM-Kongress den Workshop „Die hybride Organisation“. Ich wollte hören, wie er die Frage angeht. Es hat sich gelohnt.
Von ihm habe ich auch den Gedanken mitgenommen, den ich am selben Abend auf meiner eigenen Seite umgesetzt habe: Wer von KI-Suchen gefunden werden will, beantwortet die Frage im ersten Satz und belegt die Antwort mit Zahl und Quelle. Daraus ist meine Seite Interim Manager für KI im Mittelstand geworden.
Dazwischen: die Gespräche, für die man hinfährt
Die Vorträge kann man nachlesen. Die Gespräche nicht.
Mit Ralf Wildvang von Arqent war ich nach zwei Sätzen mitten in der Frage, die mich gerade umtreibt: ein Team aus spezialisierten Agenten oder der eine Superagent? Er verbindet Data Intelligence und Open Source Intelligence mit agentischer KI. Dann erzählte er noch von Erdbebensensoren in der Türkei, und ich war ganz Ohr.
Gizem Koç habe ich im September im AI Village kennengelernt. Sie arbeitet daran, Bauanträge mit KI zu unterstützen: kürzere Wartezeiten und vor allem weniger Schleifen, in denen Unterlagen hin und her gehen. Ein Anwendungsfall, den jeder versteht, der schon einmal gebaut hat.
Matthias Neugebauer, Geschäftsführer von START Hürth und Gastgeber des Tages, hat mich im Vorbeigehen angehalten, weil er mich schon öfter im AI Village gesehen hatte. Ohne ihn gäbe es diesen Tag nicht.
Und am frühen Abend, vor Studio 10, Peter Wessels, Prozessmanager bei der REWE Group. Sein Eindruck vom Tag hat meinen ziemlich genau getroffen:
„Kein Verkaufsevent, sondern konkret und praktisch, mit vielen Use Cases. Und das Gefühl, dass sich in Deutschland etwas bewegt.“
Peter Wessels' Eindruck, aus dem Gästebuch
Was nebenbei passierte
Während ich zuhörte und redete, hat mein Team mitgearbeitet. Eine Rolle hat die Notizen geführt, Namen nachgeschlagen und die Fragen fürs Kamingespräch vorbereitet. Eine andere hat aus jedem Selfie einen Eintrag im Gästebuch gemacht, mit Foto und ein paar Sätzen zum Gespräch.
Die meisten Einträge waren online, bevor das Gespräch zu Ende war. Ich konnte den Link zeigen, während wir noch zusammenstanden. Das hat mehr Eindruck gemacht als jede Visitenkarte.
Was daran für Ihr Unternehmen gilt
Drei Vorträge, drei Blickwinkel, und am Ende landeten alle bei derselben Stelle. Die Regulierung verlangt, dass jemand im Unternehmen die Gesetze zusammenführt, statt sie einzeln abzuarbeiten. Microsoft fragt, wie Agenten verlässlich werden, und die Antwort heißt Rolle, Kontext und Prüfung. Und das hybride Unternehmen scheitert selten an der Technik.
Alle drei Antworten sind Führungsaufgaben. Wer entscheidet? Wer prüft? Und wer bringt den eigenen Leuten bei, mit KI zu arbeiten, so dass daraus eine Fähigkeit wird und nicht nur ein weiteres Werkzeug? Das sind die Fragen, die ich an diesem Tag in jedem Raum gehört habe. Und es sind dieselben, die in jedem Mittelständler auf dem Tisch liegen.
Auf LinkedIn dazu: der Beitrag mit dem Video. Alle sieben Begegnungen des Tages stehen im Gästebuch. Die Fotos stammen von mir.