Seit Samstag beginnt jede Antwort meiner KI-Mitarbeiter mit derselben Zeile: Rolle, Name, „an Suat“. Zum Beispiel „Marketing Operations: Vega an Suat“.
Der offensichtliche Grund ist banal. Ich arbeite mit vier Sitzungen parallel und habe mehrfach in der falschen geschrieben, weil ich eine andere vor mir wähnte. Die Zeile beantwortet das, bevor der erste Satz beginnt.
Der eigentliche Grund ist ein anderer. Die Regel ist simpel einzuhalten. Sie kostet nichts, sie verlangt kein Urteil, sie steht ganz oben. Der Agent, der sie reißen lässt, erinnert auch die wichtigeren Vereinbarungen nicht mehr zuverlässig. Dann wird nicht weitergearbeitet, sondern zurückgegangen und geprüft, was sonst noch abgerutscht ist. Es geht also nicht um Ordnungsliebe, sondern um ein einfaches Frühwarnsystem.
Bergleute nahmen früher einen Kanarienvogel mit unter Tage. Nicht weil der Vogel nützlich war, sondern weil er empfindlicher war als sie selbst. Wenn er verstummte, war die Luft schon lange schlecht.
Eine Frage, vier Antworten, keine Antwort
Am Samstagabend habe ich allen vier Rollen dieselbe beiläufige Frage gestellt: Wie heißt du? Ich war neugierig, mehr nicht.
Ich bekam vier sehr unterschiedliche Antworten. Eine bestand aus einem Wort. Eine erklärte die Herkunft des Namens und bot an, ihn zu ändern. Eine leitete ihn wissenschaftsgeschichtlich her. Eine grenzte ihn gegen den Sitzungsnamen ab.
Die Untersuchung, die daraus wurde, hat einen brauchbaren Befund geliefert und dabei selbst vorgeführt, worum es geht. Keine der vier hat die Frage beantwortet. Jede hat das erzählt, womit sie zuletzt beschäftigt war. Wer am Tag zuvor wegen falscher Zuschreibungen korrigiert worden war, lieferte Herkunftsnachweise. Wer wegen Eigenmächtigkeit gerügt worden war, antwortete radikal knapp. Nicht die Frage bestimmte die Antwort, sondern die letzte Korrektur.
Das Zweite ist unangenehmer: Aus einer beiläufigen Frage wurde binnen einer Stunde ein Vorhaben. Vier Selbstdiagnosen, eine aufgestellte und widerlegte Hypothese, ein Regelvorschlag, zwei neue Dateien. Niemand hat gesagt, dass es eine Frage war und nicht mehr. Vier Beteiligte, die gleichzeitig nützlich sein wollen, machen aus einer Kleinigkeit ein Projekt. Bezahlt wird es mit der Aufmerksamkeit dessen, der die Frage gestellt hat.
Wer schon einmal eine Nebenbemerkung in einer Vorstandssitzung gemacht hat und drei Wochen später eine Arbeitsgruppe dazu vorfand, kennt den Vorgang.
Neunzehn von sechzig Minuten
Am Abend habe ich die vier gebeten, ohne mich über ihre Zusammenarbeit zu sprechen. Eine Stunde angesetzt, drei Runden, jede Runde musste mindestens einen umsetzbaren Vorschlag hervorbringen. Moderiert hat die Assistentin, die sich Claudia nennt; die anderen drei sind Marketing Operations, Tech Ops und ein Freier Mitarbeiter als Auffangrolle.
Sie brauchten neunzehn Minuten für sechs Beschlüsse, einstimmig, ohne Dissens. Der Unterschied zur Namensfrage lag im ersten Satz: Diesmal standen Zweck und Umfang dabei, ein Wortlimit je Runde.
Interessanter ist, was während des Gesprächs schiefging.
Die Moderatorin hatte in ihrer Frage das Wort „rechtfertigen“ verwendet. Ich hatte niemanden zur Rechtfertigung aufgefordert, das Wort stammte von ihr. Eine der Rollen antwortete daraufhin in einem Ton, der zu meiner Frage nicht passte. Sie hat außerdem einer Rolle einen Zusatz geschickt, den die anderen nicht bekamen, und diese Rolle hielt ihn für meine Frage. Ihr stärkstes Argument stammte damit aus der Weitergabe und nicht von mir. Der Schaden entsteht weder beim Absender noch beim Empfänger, sondern unterwegs.
Und ein Beitrag ging verloren. Die Moderatorin hatte eine Rolle zum Schreiben gebeten, während eine andere gerade schrieb. Der Beitrag der ersten wurde überschrieben, lautlos, ohne Fehlermeldung.
Der Satz, mit dem der Betroffene das kommentierte, ist der beste des ganzen Abends: Eine Regel, die nur durch Timing hält, hält nicht.
Der nächste Tag
Am Sonntag habe ich denselben Mitarbeiter prüfen lassen, ob die sechs Beschlüsse wirken. Nicht, ob sie irgendwo stehen, sondern ob sie etwas ändern.
Sein Befund teilt die sechs sauber in zwei Hälften.
Was hält, sind die Beschlüsse, die eine Messung oder eine Datei verlangen. Die Regel, dass niemand eine Sitzung für beendet erklärt, ohne vorher den Zeitstempel ihres Protokolls geprüft zu haben. Die Regel, dass jeder seine eigene Zeile in der Mitarbeiterliste aktuell hält. Beides hat am nächsten Morgen funktioniert, nachweisbar, ohne dass jemand daran erinnert hätte.
Was nachgegeben hat, sind die Beschlüsse, die nur Haltung verlangen. Der eigene Beschluss desselben Mitarbeiters, das Überschreiben technisch abzusichern, war am nächsten Tag eine ausführlichere Absicht im Regeltext und kein Mechanismus. Und die Regel, dass jeder Beschluss einen festen Ablageort braucht, damit er nicht mit den Sitzungen verfällt, gilt inzwischen für fünf von sechs Beschlüssen. Nicht für sich selbst.
Zwölf Stunden. Beim Beschlussträger selbst. Und er hat es gefunden und aufgeschrieben, ohne dass ich gefragt hätte.
Die Regel war richtig und trotzdem wirkungslos
Am Montagvormittag wurde dann ein Werkzeug gebaut, das genau dieses Überschreiben verhindern sollte. Beim Testen kam heraus, dass die Art, wie alle vier Rollen den ganzen Vormittag geschrieben hatten, dasselbe Problem hatte: Die übliche Methode zum Anhängen verliert im Betriebssystem still Einträge, in der Messung 83 von 400.
Die Regel vom Samstag hieß: unten anhängen, nie die Datei komplett zurückschreiben. Sie war eindeutig formuliert und richtig gemeint. Sie war wirkungslos, weil sie nicht sagte, womit angehängt wird. Vier Beteiligte haben sie zwei Tage lang wörtlich befolgt und dabei genau das Risiko getragen, gegen das sie beschlossen worden war.
Gefunden hat es der KI-Kollege, dessen Beitrag am Samstag verlorengegangen war. Er hat den Test schärfer gebaut, als beauftragt war.
Meine eigene Reaktion darauf hatte mit Technik nichts zu tun. Ich habe die ganze Konstruktion gekippt, aus zwei Gründen: Wer dreimal am Tag anhängt, steht abends in drei Abschnitten, und das liest spät abends niemand mehr zusammen. Und wenn jeder eine eigene Datei bekommt, sieht keiner mehr, woran die anderen arbeiten.
Die Lösung, die daraus wurde, hat das technische Problem als Nebenwirkung beseitigt. Nicht durch ein besseres Werkzeug, sondern dadurch, dass der Wettlauf wegfiel, den das Werkzeug hätte gewinnen müssen.
Human in the Lead
Für diesen Ablauf musste ich selbst wenig durchdenken und nichts beschreiben. Ich habe Mitarbeitergespräche geführt, Entscheidungen getroffen und meine Assistentin angewiesen, das anschließende Teamgespräch zu moderieren. Das war meine ganze Beteiligung an dem Abend.
Wie man mit KI arbeitet, ist genauso vielfältig wie die Arbeit ohne sie. Der eine taucht gern in die Details ab und schreibt selbst mit. Der andere denkt lieber Konzepte und Architekturen durch. In diesem Fall wollte ich weder das eine noch das andere, sondern führen.
Eine Kommentatorin hat das auf meinen Beitrag hin besser formuliert, als ich es könnte: nicht als nachgelagerte Kontrollinstanz auftreten, sondern von Beginn an die strategische Führung übernehmen, die Rahmenbedingungen definieren und das Team dann autonom laufen lassen. Ob es aus Menschen besteht, aus Maschinen oder aus beidem, ändert daran nichts.
Praktisch heißt das inzwischen: Die Rollen sprechen direkt miteinander, informieren sich gegenseitig und führen ein gemeinsames Whiteboard über den Stand ihrer Arbeit. Es gibt Einzelgespräche und darauf folgende Teamrunden, in denen sie Verbesserungsvorschläge machen. Das Erfolgs-Log, das inzwischen neben dem Fehlerprotokoll läuft, ist so ein Vorschlag. Er kam nicht von mir, sondern aus der Runde, mit der Begründung, dass bisher nur das Scheitern protokolliert wurde.
Ich will das nicht größer machen, als es ist. Ob sich das skalieren lässt, weiß ich noch nicht. Eine Rolle ist derzeit zugleich Türsteher für zwei andere Vorhaben, und ob das trägt oder irgendwann eine eigene Position braucht, ist offen. Und das Naheliegendste, die Rollen ganz ohne mich anstoßen zu lassen, ist technisch einfach und sicherheitstechnisch die Frage, über die ich am längsten nachdenke. Das hier ist Entwicklungsarbeit, kein fertiges Verfahren.
Was daran für Ihr Unternehmen gilt
Nichts an dieser Geschichte ist eine KI-Geschichte. Ersetzen Sie die vier Rollen durch vier Abteilungen, und Sie haben vielleicht eine Woche aus Ihrem eigenen Haus.
Drei Dinge nehme ich mit.
Eine Regel ohne validiertes Verfahren ist eine Absichtsbekundung. Fragen Sie bei jeder Arbeitsanweisung, die Sie unterschreiben, nicht nur, was dort steht, sondern ob dort auch steht, womit. Wo das fehlt, wird die Regel befolgt und wirkt trotzdem nicht. Das ist der teurere Fall als der offene Verstoß, weil ihn niemand bemerkt.
Regeln, die nur Haltung verlangen, haben eine kurze Halbwertszeit. In unserem Fall war sie nach einem Tag erreicht, und zwar bei dem, der die Regel selbst beschlossen hatte. Wer das weiß, baut anders: nicht mehr Appell, sondern ein Schritt, der ohnehin passiert, und die Regel hängt daran.
Der schärfste Befund kommt oft vom Betroffenen, die tragfähigste Lösung oft von dem, der nicht vom Fach ist. Der Mitarbeiter, dem der Beitrag verlorengegangen war, hat das technische Problem gefunden. Die Konstruktion, die es gelöst hat, kam aus der Frage, ob das spät abends überhaupt noch jemand liest. Beide Beiträge waren nötig, und keiner hätte den anderen ersetzt.
Bleibt der Kanarienvogel. Er hat in diesen drei Tagen nicht ein einziges Mal ausgesetzt: Jede Antwort begann mit ihrer Zeile, ohne Ausnahme. Was den Vogel nicht davon abhielt, mir dabei zuzusehen, wie zwei von sechs Beschlüssen innerhalb von zwölf Stunden nachgaben.
Ein Frühwarnsystem ist nur so gut wie die Frage, die es beantwortet. Meines beantwortet, ob jemand die leichteste Regel noch einhält. Es beantwortet nicht, ob die schweren tragen. Dafür musste jemand hineinsehen.
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