Ihre Personalabteilung richtet Ihr Unternehmen zugrunde, weil sie für die Vergangenheit rekrutiert, während andere die Zukunft bauen.
Zwei Musk-Firmen gegen die deutsche Börsenwirtschaft
Schauen wir uns einmal ein paar Zahlen an. SpaceX, aktuell rund 1,8 Billionen Dollar wert, und Tesla mit rund 1,4 Billionen Dollar kommen zusammen auf einen höheren Marktwert als die rund 380 erfassten börsennotierten deutschen Unternehmen zusammen. SpaceX allein gehört inzwischen zu den zehn wertvollsten Unternehmen der Welt.
NUR zwei Unternehmen gegen die gesamte erfasste deutsche Börsenwirtschaft.
Noch bemerkenswerter wird es bei künstlicher Intelligenz. Anthropic wurde zuletzt mit 965 Milliarden Dollar bewertet, OpenAI mit 852 Milliarden und xAI bei der Übernahme durch SpaceX mit 250 Milliarden. xAI ist damit bei der Übernahmebewertung allein bereits in der Größenordnung des wertvollsten deutschen Unternehmens. Zusammen sind das mehr als 2 Billionen Dollar und damit rund 70 Prozent des gesamten Marktwerts der rund 380 deutschen Börsenunternehmen.
Und wir reden hier nur über drei AI-Unternehmen. Da sind die anderen noch gar nicht drin: Nvidia, Microsoft, Google, Meta, Amazon, Oracle und der gesamte Rest der weltweiten AI-Infrastruktur. Natürlich kann man jetzt einwenden: Bewertungen sind Erwartungen. Marktkapitalisierung ist keine Wertschöpfung. Eine private Finanzierungsbewertung ist nicht identisch mit einem Börsenwert.
Im Schlechtreden und Kleinreden sind wir in Deutschland inzwischen Weltmeister.
Denn genau darum geht es: Kapitalmärkte bewerten die Zukunft. Und während dort Billionen Dollar auf die wirtschaftliche Bedeutung von AI gesetzt werden, diskutieren deutsche Unternehmen teilweise noch darüber, ob künstliche Intelligenz überhaupt eine eigene Kompetenz im Unternehmen braucht.
Wir rekrutieren für die Vergangenheit
Das Problem beginnt im Recruiting. Wir definieren Stellen immer präziser, erfinden Jobtitel, für die es teilweise noch nicht einmal einen etablierten Ausbildungs- oder Karriereweg gibt, und schreiben immer längere und absurdere Anforderungsprofile. Dann suchen wir Menschen, die möglichst genau das bereits gemacht haben, was wir heute tun. Gleiche Industrie, gleiche Funktion, gleicher Titel, gleiche Prozesse, gleiche Systeme, möglichst die gleiche Karriere.
Und selbst wenn ein Kandidat wie die Faust aufs Auge passt, ist das noch lange kein Garant dafür, dass seine Fähigkeiten überhaupt erkannt werden. Damit „scheinoptimieren" wir unsere Organisationen für die Vergangenheit.
KI wird zur Kernfähigkeit
Das entscheidende Kriterium müsste ein anderes sein: Welche Fähigkeiten brauchen wir für eine Welt, die in fünf Jahren fundamental anders funktionieren könnte? AI wird keine zusätzliche Software im Werkzeugkasten sein. Sie verändert, wie Unternehmen analysieren, entscheiden, entwickeln, programmieren, verkaufen, planen, kommunizieren und organisieren.
KI wird zu einer betrieblichen und organisationalen Kernfähigkeit.
Dafür braucht man Menschen, die mehrere Welten gleichzeitig verstehen: Technologie und Business, Prozesse und Organisation, Daten und Automatisierung, Transformation und Umsetzung. Menschen, die nicht nur einen Prompt schreiben können, sondern verstehen, was ein LLM kann, wie Agenten funktionieren, wie RAG, APIs, MCP, Automatisierung und lokale Systeme zusammenspielen, wo Daten hingehören, welche Prozesse sich verändern lassen, wo Governance notwendig ist und wie daraus am Ende wirtschaftlicher Nutzen entsteht.
Die lächerliche Rechnung
Solche Profile passen häufig schlecht in klassische Stellenbeschreibungen und genau dort wird es grotesk. Wir glauben uns als Volkswirtschaft leisten zu können, Ingenieure, Führungskräfte und Transformationsmanager mit tiefem technischem Verständnis für AI und jahrzehntelanger Business-Erfahrung ohne passenden Auftrag oder Position zu lassen. Nicht zwingend, weil ihre Fähigkeiten keinen Wert haben, sondern weil ihr Lebenslauf nicht sauber in die vorhandene Schublade passt.
Dabei ist die wirtschaftliche Rechnung geradezu lächerlich. Nehmen wir einen erfahrenen Mitarbeiter, der ein Unternehmen inklusive aller Nebenkosten 200.000 Euro im Jahr kostet. Für diese Summe könnte ein Unternehmen zwölf Monate lang systematisch herausfinden:
- Wo kann AI Produktivität erhöhen?
- Welche Prozesse lassen sich automatisieren?
- Welche neuen Geschäftsmodelle entstehen?
- Welche Daten brauchen wir?
- Welche Risiken existieren?
- Welche Anbieter sind relevant?
- Welche Fähigkeiten brauchen unsere Mitarbeiter?
- Was sollten wir selbst aufbauen?
- Was sollten wir einkaufen?
- Was müssen wir heute beginnen, damit wir in drei Jahren überhaupt noch wettbewerbsfähig sind?
Viele größere Unternehmen geben mehr für Beratungsprojekte aus, deren Ergebnis anschließend als PowerPoint auf einem SharePoint verschwindet.
Das größere Risiko ist deshalb vielleicht nicht, heute zu früh Geld in AI-Kompetenz zu investieren, sondern in drei Jahren festzustellen, dass die Konkurrenz drei Jahre Vorsprung hat.
Elon Musk prognostiziert inzwischen, dass der AI-Umsatz von SpaceX bereits kurzfristig den Umsatz aller übrigen SpaceX-Geschäfte zusammen übersteigen wird. Im zweiten Quartal erzielte der AI-Bereich bereits 2,56 Milliarden Dollar Umsatz bei insgesamt 7,81 Milliarden Dollar SpaceX-Umsatz. Nochmal: Anthropic wird mit fast einer Billion Dollar bewertet. OpenAI mit mehr als 850 Milliarden. xAI wurde mit 250 Milliarden bewertet. Das wertvollste deutsche Unternehmen ist gerade mal bei 250 Milliarden.
Und in Deutschland fragen wir noch: „Wie nennen wir denn die Stelle?"
Kompetenz auf Zeit statt perfekter Jobtitel
Vielleicht sollten Vorstände ihre Personalabteilungen und Fachbereiche stattdessen fragen: Welche Fähigkeiten brauchen wir morgen, die wir heute noch nicht im Unternehmen haben? Und dann Menschen suchen, die genau diese Fähigkeiten mitbringen. Auch wenn auf deren letzter Visitenkarte nicht der Jobtitel steht, den wir gerade erfunden haben.
Und falls Sie sich noch nicht sicher genug sind, dafür jemanden fest einzustellen, dann tun Sie es eben nicht. Holen Sie sich die Kompetenz zunächst auf Zeit. Genau dafür gibt es erfahrene Interim Manager, die Technologie, Business und Transformation zusammenbringen, konkrete Potenziale identifizieren, erste Anwendungen umsetzen, Strukturen aufbauen und gleichzeitig herausfinden können, welche Kompetenzen ein Unternehmen langfristig tatsächlich benötigt.
Man muss keine neue Dauerstelle schaffen, um heute damit anzufangen, die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens aufzubauen. Was man sich allerdings nicht leisten kann, ist jahrelang abzuwarten, bis der perfekte Jobtitel für ein Problem gefunden wurde, das sich währenddessen mit exponentieller Geschwindigkeit weiterentwickelt.
Denn möglicherweise richtet Ihre Personalabteilung Ihr Unternehmen nicht dadurch zugrunde, dass sie die falschen Menschen einstellt, sondern dadurch, dass sie die richtigen Menschen gar nicht erst erkennt.
Ach ja, Ihren ATS-Scanner sollten Sie vielleicht auch einmal ausschalten und dafür den Verstand wieder einschalten. Das wäre vermutlich der sinnvollere Einsatz von menschlicher Intelligenz.
Stay in the Lead.