An einem Samstag, die Hitze drückt, ich sitze auf der Terrasse und versuche mich abzukühlen. Da meldet sich eine Kundin, der ich die Website gebaut hatte, mit dem ersten Feedback ihrer eigenen Kundinnen. Die Seite sei nicht übersichtlich genug. Früher wäre das der Beginn einer langen Schleife gewesen. Diesmal habe ich meinem KI-System ein paar Grundanweisungen gegeben und die Kundin einfach erzählen lassen, was ihr vorschwebt. Wir haben zusammen etwas getrunken, und noch währenddessen stand ein erster Entwurf live auf ihrer Seite. Zwei Iterationen später war es stimmig.
In diesem Moment wurde ihr klar, wie umständlich derselbe Wunsch mit einer klassischen Werbeagentur gelaufen wäre.
Was sonst Wochen kostet
Termine abstimmen. Anforderungen durchsprechen. Die Agentur spricht mit dem Entwickler, und dabei geht zwischen den Beteiligten regelmäßig etwas verloren. Eine Iteration, neue Termine, Feedback, die nächste Schleife. Wochen an Aufwand und Kosten für etwas, das hier in Echtzeit geschah, bei einem Glas Limonade auf der Terrasse.
Ich erzähle das nicht, um ein Werkzeug zu loben. Mir geht es um das Muster dahinter.
Klare Anweisung genügt
Als dieselbe Kundin Inhalte ändern wollte, ohne sich durch jede Unterseite zu klicken, habe ich die KI gebeten, die gesamte Website als ein einziges Word-Dokument zusammenzustellen, mit allen Unterseiten. Sie hat es ausgedruckt, ihre Änderungen handschriftlich an den Rand geschrieben, abfotografiert und zurückgeschickt. Das hat gereicht. Die KI hat die Notizen gelesen, zugeordnet und umgesetzt. Wo sie unsicher war, hat sie nachgefragt, statt zu raten.
Als 150 Fotos aus einem Shooting an unterschiedliche Stellen der Seite sollten, in verschiedenen Auflösungen und klein gehalten, damit die Seite schnell lädt, genügte eine klare Anweisung. Die Bilder wurden ausgewählt, verkleinert, zugeschnitten, platziert und veröffentlicht.
Ein altes PDF-Skript, zu dem keine Word-Vorlage mehr existierte, wurde eins zu eins nachgebaut, die enthaltenen Medien extrahiert, neu zusammengefügt und über QR-Codes mit Videodateien verknüpft. Dass KI heute auch Medien selbst erzeugt, habe ich an anderer Stelle gezeigt, in Vom Prompt zum Film.
Und auf meiner eigenen Seite läuft es genauso. Ich bekomme regelmäßig Newsletter zu KI aus verschiedensten Quellen, dazu Ergebnisse von Recherchen, die die KI auf Wunsch selbst durchführt. Sie sieht sich das an, fasst zusammen, analysiert und gleicht es gegen meine Interessengebiete ab. Wenn ich sie darum bitte, macht sie daraus einen Blogbeitrag, holt die passenden Medien unter Berücksichtigung des Urheberrechts und stellt ihn auf meine Website. In meinem Schreibstil, zu meinen Themen. Dieser Beitrag ist auf genau diese Weise entstanden.
Vom Werkzeug zum System
Diese Möglichkeiten entstehen nicht aus einem besseren Chatbot. Sie entstehen aus einem Wissensmanagementsystem.
Viele entdecken gerade, dass es neben dem Chatbot auch agentische KI gibt: eine KI, die nicht nur sucht, sondern Hand und Fuß hat. Die Dateien erstellt und verändert, auf Systeme zugreift und innerhalb klarer Grenzen eigene Entscheidungen trifft. Früher oder später stoßen sie an dieselbe Grenze. Das Wissen liegt verteilt, im Modell, in dieser App, in jenem System. Fragmentiert. Genau das wird zur Hürde, und genau darüber habe ich zuletzt geschrieben, in Die KI kennt Ihr Geschäft nicht.
Diese Hürde habe ich für mich gelöst, mit einem externen Wissensspeicher, der unabhängig von einem einzelnen KI-Modell ist und alles an einem Ort bündelt. Wie er aufgebaut ist und warum ich ihn mein zweites Gehirn nenne, habe ich in Second Brain. Wissen defragmentieren beschrieben.
Der eigentliche Clou
Der Punkt ist aber nicht, wie das Wissen gespeichert wird. Der Punkt ist, was daraus entsteht: vernetztes Wissen. Aus Silos wird ein System.
Nicht der Speicher, nicht das Modell. Die Verbindung.
Dieses System macht etwas mit der Produktivität, das sich nicht mehr addiert, sondern multipliziert. Eine Notiz aus einem Kundengespräch trifft auf einen Fachartikel, trifft auf eine alte Projektauswertung, und daraus wird in Minuten etwas, das früher ein Team und mehrere Wochen gebraucht hätte.
Aus verbundenem Wissen entsteht keine lineare, sondern eine exponentielle Produktivität.
Wer sie hat, erledigt allein Dinge, für die man sonst mehrere Menschen bräuchte.
Was das für den Mittelstand heißt
In meiner Arbeit als Interim Manager beobachte ich immer wieder dasselbe. Unternehmen vermuten ein Technologieproblem, während der eigentliche Engpass in der Struktur ihres Wissens liegt. Wissen ist da, aber es liegt über Postfächer, Laufwerke, ERP, CRM und die privaten Notizen einzelner Köpfe verstreut. Eine agentische KI darauf loszulassen beschleunigt vor allem eines: die Unordnung.
Erst das Wissen verbinden, dann die Arbeit automatisieren.
Die gute Nachricht: Der Anfang ist günstiger, als die meisten denken. Es braucht keine große Plattform, sondern eine Entscheidung, ein paar gut gewählte Dateien und die Bereitschaft, das eigene Wissen einmal zu ordnen.
Dazu gehört harte Arbeit, das gebe ich gern zu. Aber wenn die Systeme arbeiten, während ich denke, dann ist eine Abkühlung auf der Terrasse an einem Samstag plötzlich kein Widerspruch mehr.