Um 16 Uhr wollte der Geschäftsführer das Thema auf November schieben. Um 19 Uhr stand seine Lösung fast fertig, und ein Glaubenssatz war ausgehebelt.
Welcher Glaubenssatz? Teams kommen durch kurze Iterationszyklen schneller zu guten Ergebnissen. Das ist die Kernphilosophie hinter agilen Arbeitsweisen. Nur lassen sich die dafür nötigen häufigen Abstimmungstreffen, selbst wenn sie kurz sind, schlecht umsetzen, wenn die Aufgabe unter „wichtig, aber nicht dringlich" fällt und crossfunktional ist. Die mentalen Rüstzeiten sind dafür einfach zu hoch. KI ändert den Prozess: Die Experten müssen nur noch aus ihrer Perspektive beurteilen und können agil bleiben.
Das Beispiel dazu:
Konzerntochter, rund 100 Mitarbeitende, ein Webauftritt, der über Jahre gewachsen, ungeordnet und nicht mehr zeitgemäß war. Das war allen klar. Aber der Betrieb läuft gerade auf Hochtouren, die Marketingkollegin verabschiedet sich bald in den Mutterschutz, und irgendwann soll der Auftritt ohnehin in die Konzernwelt integriert werden. Man wurde vor Jahren schon von einem Multimilliardenkonzern akquiriert. Also lieber später.
Was normalerweise jetzt passiert wäre
Ich kenne die Kaskade aus vielen Jahren im Konzern, von beiden Seiten des Tisches. Sie beginnt harmlos und endet in Monaten:
Erst sucht jemand drei Agenturen und lädt sie zum Pitch. Dafür braucht es ein Briefing, dafür braucht es Abstimmung, wer das Briefing schreibt. Dann kommt das Lastenheft, dann der Kick-off, dann die Wireframes, die vier Leute reviewen müssen, von denen zwei im Urlaub sind. Dann Designrunden, Terminfindung über fünf Kalender, Texte, die die Fachbereiche liefern sollen und nicht liefern, weil das Tagesgeschäft vorgeht. Dazwischen die Frage, was der Mutterkonzern zum Design sagt, und ob man lieber wartet, bis die Vorgabe kommt. Freigabeschleifen. Zwischenstände, die niemand ansehen will, weil sie noch nichts zeigen.
Habe ich Sie bereits verloren?
Das Problem ist, was so ein Vorhaben im Unternehmen bindet: Aufmerksamkeit, Entscheidungskraft, Kalender. Und deshalb wird es geschoben. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil ein Geschäftsführer seine knappste Ressource, die eigene Zeit, richtig priorisiert.
Was stattdessen passiert ist
Ein kurzes Gespräch. Drei Stunden später ein Link.
Dahinter keine hübsche Startseite, sondern rund 200 Seiten: alle Produktbereiche mit ihren Produkttypen, Unternehmen, Standorte, Zertifikate, das komplette News-Archiv. Jede Seite unter genau der Adresse, unter der sie heute liegt. Wenn ein Kunde einen Link in einer Spezifikation stehen hat, funktioniert der weiter. Gestalterisch bewusst als Brücke gebaut: erkennbar verwandt mit dem Design des Mutterkonzerns, aber mit der eigenen Identität, die Kunden wiedererkennen müssen. Mobil, schnell, durchstrukturiert.
Und, das ist mir wichtig: nicht komplett fertig, aber umfassend.
Der Unterschied ist entscheidend. Neben dem Entwurf lag eine Seite, die transparent auflistet, was schon da ist und was für einen Produktivbetrieb noch fehlt: die beiden weiteren Sprachversionen mit zum Teil bereits fehlenden oder schlechten Inhalten, die Formularstrecke, der Umzug der alten Adressen, der Pflegeprozess, die Rechtstexte, die Freigabe mit dem Konzern. Dazu, was noch nicht gut genug ist: Bilder von vor über zehn Jahren, die das heutige Unternehmen nicht mehr zeigen. Dubletten im Bestand, eine verwaiste Kategorie, eine Seite, die im eigenen Titel sagt, dass sie falsch einsortiert ist. Nichts davon ist ein Vorwurf. Es ist der Beweis, dass jemand die Struktur wirklich durchgearbeitet hat.
Genau das nimmt der Kaskade den Boden. Der Geschäftsführer muss keine Vorbereitungsgespräche führen, um zu verstehen, was er bekommen könnte. Er sieht es zeitnah. Er muss keine Abstimmungsschleifen drehen, um herauszufinden, was fehlt. Es steht daneben. Die Entscheidung, ob und wie es weitergeht, fällt am Gegenstand, in einer halben Stunde, statt nach drei Monaten Vorlauf. Wow-Effekt.
Der eigentliche Nutzen kommt danach
Die Website ist nicht das Produkt, sondern der Beweis für etwas anderes.
Ein Beispiel: Auf der bestehenden Seite stand der Geschäftsführer noch mit seiner Rolle von vor Jahren. Im Gespräch sagt man einen Satz, dreißig Sekunden später ist es aktualisiert, eine Minute später ist es live. Kein Ticket, keine Agentur, keine Freigabeschleife. So läuft es später mit einem Produkttext, einer Pressemitteilung, einem neuen Teammitglied. Und dieselben Inhalte, einmal sauber gepflegt, lassen sich in andere Kanäle übertragen, Social Media eingeschlossen. Einmal gepflegt, mehrfach verwertet.
Das Team muss dafür nicht mehr viel Zeit aufbringen. Es muss nur sagen, was anders sein soll. Das ist der Moment, in dem aus einem Werkzeug eine Fähigkeit des Betriebs wird: Die Leute helfen sich selbst, im eigenen Haus, ohne Abhängigkeit.
Und dann beginnt die Fantasie
Der interessanteste Effekt ist nicht der Entwurf. Es ist, was er im Kopf auslöst.
Der ehemalige Kollege, der den Kontakt vermittelt hatte, sah das Ergebnis und begann nachzudenken. Nicht über Websites. Über seine eigene Organisation, ein regionales Wirtschaftsnetzwerk mit einer kleinen Mannschaft und noch zu wenig Mitgliedern. Wie führt man mit wenigen Leuten das Wissen aller Mitgliedsunternehmen zusammen, erkennt relevante Entwicklungen in der Region, bereitet Gespräche mit möglichen neuen Mitgliedern so vor, dass man deren Frage beantworten kann: Was habe ich von einer Mitgliedschaft? Aus einem Website-Thema war die Frage nach einem Wissens- und Business-Development-System geworden.
Ein paar Wochen vorher hatte ein anderer Kollege ein Angebot über einen mittleren fünfstelligen Betrag geschrieben und wollte es noch am selben Tag verschicken. Zwei Word-Dokumente, sonst nichts. Anderthalb Stunden später hatte er eine Gegenprüfung gegen den tatsächlichen Bestand seines Kunden, einen gefundenen Widerspruch in der Kapazitätsrechnung, eine Preislogik mit drei Ausbaustufen und beide Dokumente überarbeitet in Originalformatierung. Die schärfste Erkenntnis kam nicht aus der KI, sondern aus zwei bewährten Denkrahmen. Die KI hat ausgeführt, nicht erfunden.
Wer einmal gesehen hat, wie Aufwand sich verschiebt, sieht überall Kandidaten. Das ist kein Hype. Das ist die Frage, was im eigenen Betrieb in den letzten zwölf Monaten liegen geblieben ist, weil die Zeit fehlte.
Für Konzerntöchter gilt das doppelt
Ein Unternehmen, das in einen Konzern kommt, wird meist geholt, weil es etwas kann, was der Konzern nicht kann: schneller entscheiden, näher am Kunden sein, Neues ausprobieren, einfach flexibel sein. Ich kenne beide Seiten dieser Situation aus vielen Konzernjahren, die integrierende und die integrierte.
Was ich dabei gelernt habe: Das Fenster schließt sich. Sobald die Prozesse des Konzerns greifen, sind die Entscheidungsfreiheiten von heute nicht mehr da. Wer seine Marker setzen will, muss es vorher tun. Ein Auftritt, der schon in der Konzernpalette gebaut ist und trotzdem die eigene Identität zeigt, ist so ein Marker. Eine Arbeitsweise, die der Konzern als Best Practice übernehmen könnte, ist ein noch besserer. Damit bestätigt man, wofür man akquiriert wurde, und gibt etwas zurück, statt nur integriert zu werden.
KI-Fähigkeit ist mehr als KI-Nutzung
KI-Nutzung heißt nur: Wir benutzen auch ChatGPT. KI-Fähigkeit hingegen bedeutet: Der Betrieb kann plötzlich Dinge, die vorher aus Zeit- oder Kapazitätsgründen liegen geblieben wären.
Dafür muss niemand KI-Spezialist werden. Der Marketingprofi bleibt Marketingprofi. Aber jemand muss das Geschäft verstehen, die passenden Methoden kennen und KI so orchestrieren, dass etwas Nutzbares entsteht. Die Komplexität verschwindet nicht, sie zieht um: von der Umsetzung in die Entscheidung. Und die Entscheidung bleibt beim Menschen. Human in the Lead.
Echte KI-Fähigkeit erkennt man nicht daran, welche Tools ein Unternehmen benutzt. Sondern daran, was es plötzlich kann.
Was ist bei Ihnen liegen geblieben?
Die andere Seite: Was das für den Interim-Markt bedeutet
Dieselbe Geschichte, aus Sicht der Kollegen und Provider erzählt, liest sich so: Ein ehemaliger Kollege, heute für ein regionales Wirtschaftsnetzwerk in der Mitgliedergewinnung unterwegs, bittet mich um eine zweite Meinung zu einem Angebot. Anderthalb Stunden später hat er sie, samt überarbeiteter Dokumente. Er ist beeindruckt und empfiehlt mich einem Geschäftsführer aus seinem Netzwerk. Um 16 Uhr Telefonat, um 19 Uhr der Link. Meine eigene Steuerzeit: rund eine halbe Stunde.
Was daraus wurde, hatte ich so nicht geplant. Beide, der Geschäftsführer und das Netzwerk, hatten denselben Schmerz: Außenauftritt und Außenkommunikation. Innerhalb weniger Tage waren daraus zwei Projekte in Anbahnung. Beim Unternehmen ein Mandat rund um die Konzernintegration, KI-Enablement des Teams eingeschlossen. Beim Netzwerk strategische Unterstützung bei der Mitgliedergewinnung: bessere Außenkommunikation, systematischere Ansprache potenzieller Mitglieder mit KI. Und dahinter der Zugang zu deren Netzwerk.
Drei Dinge nehme ich daraus mit, für uns als Interim Manager:
Die Anbahnung dreht sich um. Liefern, bevor Vertrauen da ist. Das Vertrauen entsteht am Gegenstand, vor allem in einem Klima, das sich in der Interim-Branche zunehmend zum Käufermarkt hinwendet.
Die halbe Stunde ist nicht der Wert. Der Wert ist das System dahinter und die Fähigkeit, ein Problem in Stunden in etwas Bewertbares zu übersetzen, die Befähigung des Betriebs zur Selbsthilfe glaubhaft in Aussicht zu stellen, schließlich gehen Interim Manager ja auch wieder, und die Fantasie dafür anzuregen, wo sonst noch große Dinge mit KI bewegt werden können. Das Preisgespräch führt man deshalb über die Aufwandsverschiebung beim Kunden. Damit kommt man auch nicht in die Verlegenheit, ein Cost-plus-Pricing unter widrigen Rahmenbedingungen verhandeln zu müssen. Der wertbasierte Preisansatz bietet sich hier an, denn der Wert des vom Kunden selbst antizipierten Aufwands spricht für sich. Kein ruinöser Preiskampf, nur um ein Mandat zu bekommen. Stattdessen Ersparnis von Zeit und Nerven für den Geschäftsführer und sein Team, mehr Autonomie, neue Fähigkeiten im Betrieb.
Der Multiplikator sitzt daneben. Ein sichtbarer Beleg erzeugt mehr Empfehlung als jede Referenzliste.
Ehrlich gesagt bin ich mit dieser Arbeitsweise noch am Anfang, vor allem bei der Frage, wo die Grenze zwischen Vorleistung und Geschäftsmodell liegt. Wie halten Sie es: Zeigen Sie, bevor Sie anbieten?
Stay in the Lead.
Beide Fälle sind anonymisiert; Zahlen gerundet. Die Angebotsprüfung ist mit Einverständnis des Kollegen beschrieben.